CD-Cover „Von hier an blind“ von Wir sind Helden: Wanderer mit Rucksäcken im Gebirge.

Ausblick auf 2026: Von hier an blind?

Von hier an blind

Ein Album von Wir sind Helden aus dem Jahr 2005 – also vor zwanzig Jahren.

Der Titel beschreibt sehr poetisch die Haltung, sich mit positiver Erwartung auf eine unbekannte Zukunft einzulassen. Es ist einer meiner wichtigsten Grundwerte, der mich durch ein spannendes Leben geführt und mir ermöglicht hat, in vielerlei Hinsicht zu wachsen.

Aber: Damit ist nicht gemeint, sich ohne Risikoabwägung, ohne Planung und Vorbereitung ins Wagnis zu stürzen. Das ist nicht heldenhaft, das ist grob fahrlässig.

Als technischer Taucher habe ich mich oft auf riskante Missionen begeben. Immer mit extrem sorgfältiger Vorbereitung. Dennoch bin ich dem Tod mehrfach nur knapp von der Schippe gesprungen – und ja, mein Überleben führe ich exakt auf diese Vorbereitung zurück. Es waren wohlkalkulierte Risiken für eine große potentielle Beute.

Wenn ich heute auf die Digitale Transformation, die Organisationsentwicklung oder die Schnittstelle zwischen Business und IT im technologischen Neuland blicke, sehe ich das Gegenteil: Ich sehe tagein, tagaus maximal gefährliche Stunts. Manöver ohne Netz und doppelten Boden, die nur im unwahrscheinlichsten Fall gelingen können.

Bevor wir blindlings ins Jahr 2026 schreiten, müssen wir einen kritischen Blick zurückwerfen. Wer die Lektionen der Geschichte ignoriert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Und um es ganz klar zu sagen: Fehler zu wiederholen, ist kein Pech, sondern ein Zeichen mangelnder Intelligenz.

Fakt ist: Wir wiederholen die Klasse. Mal wieder. Aber anders als in der Schule müssen wir nicht nur den Stoff vom letzten Jahr nachholen – bei dem wir das Klassenziel mit “mangelhaft” verfehlt haben –, sondern gleichzeitig den neuen Stoff bewältigen. Die Bugwelle wächst.

Schauen wir auf den Lehrplan: Im übertragenen Sinne werkeln die meisten Unternehmen immer noch mit Bruchrechnung. Letztes Jahr standen aber eigentlich schon Differentialgleichungen auf dem Plan. Und jetzt? Jetzt fordert der Markt nicht-lineare Optimierung mit Karush-Kuhn-Tucker-Nebenbedingungen.

Ich übersetze das mal: Die guten alten Zeiten der “Complicated Problem Domain” (nach dem Cynefin-Framework) sind vorbei. Schon lange. Wir bewegen uns mittlerweile fast ausschließlich in der “Complex Problem Domain”. Das ist komplett neues Terrain. Doch viele navigieren immer noch mit der alten Karte. Dabei wäre selbst eine neue Karte nutzlos – denn die Landkarte ist nicht das Terrain, sondern nur eine stark reduzierte Abbildung, die in der Komplexität versagt.

Die Realität sieht so aus: Die meisten Unternehmen schleppen Jahrzehnte an Legacy und Altlasten mit sich herum. Ein Rucksack voller Methoden und Technologien, die sich widersprechen, die Reibung erzeugen und jede Bewegung verlangsamen.

Und KI? KI ist keine Lösung, sondern nur ein Verstärker! Wer Chaos automatisiert, erhält automatisiertes Chaos. Der aktuelle Schrei nach Automatisierung wirkt oft wie das verzweifelte Schnappen nach Luft eines Ertrinkenden, über dem gerade die Welle bricht.

Ich weiß genau, was viele von euch jetzt denken: “Kurt, genug geredet! Wir haben keine Zeit. Komm auf den Punkt! Du musst es einem Fünfjährigen erklären können. Wo ist deine Lösung?”

Nun, ihr seid keine Fünf mehr. Und wenn es so einfach wäre, hättet ihr die Lösung längst gefunden.

Ich kann euch den Weg zeigen: Radikale Entlastung von Legacy-Friktion, Flow statt Auslastung, anti-fragile Entscheidungssysteme, die in Komplexität gedeihen – aber nur, wenn ihr euch die Zeit dafür nehmt. Wer ist bereit dazu?

Von hier an blind, aber verdammt gut vorbereitet in das Ungewisse. In die Zukunft. Ich bin dabei. Wer noch?

2026 wird nicht das Jahr der Innovation. Es wird das Jahr der Überlebensfähigkeit.

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